Rotkäppchens Rückkehr

Ohne Hexerei läuft hier nichts – eine turbulente Schlacht um das versprochene Glück auf Lebenszeit.

 

Sie spielen alle mit – die Hauptdarsteller der bekanntesten Grimmschen Märchen. Zwei Inspektoren werden beauftragt das verlorene Glück wiederzufinden. Ihre Mission verwandelt sich in einen waghalsigen Kampf gegen die Macht und Intrigen ihrer Feinde. Dass am Ende ausgerechnet eine Katerin die Strippen zieht, hätte niemand erwartet. Doch zuvor müssen die Streiter für das Gute noch die demente Zauberin in der Robe, den Club der bösen Frauen und die Bremer Rocker ausschalten.

 

 

 

LESEPROBE:

 

 Seitdem der gestiefelte Kater den großen Magier vernichtet hatte, bewohnte der Graf, der einst ein armer Müllerssohn gewesen war, zusammen mit Dornröschen das Schloss. Der Eingangsbereich zum Schlossmuseum war protzig dekoriert. Marmorfiguren, wie sie früher in griechischen Tempeln standen, bildeten ein Spalier für die nahenden Besucher. Beeindruckt steckte Rotkäppchen den Hochglanzprospekt, den sie unterwegs durchgeblättert hatte, zurück in die Manteltasche. Ein bleibendes Erlebnis wurde ihnen darin versprochen, eines, das unter die Haut ging.
   Oben am Treppenaufgang stand Dornröschen und wartete darauf, die Besucher der Abendvorstellung persönlich zu begrüßen. Innen im Museum wurde die Geschichte vom 100-jährigen Schlaf nachgestellt. Rotkäppchen wunderte sich, was daran nicht jugendfrei sein sollte. Ab 16  hieß es ausdrücklich für die Abendvorstellung.
   Sie und Malte näherten sich der Fassade des Schlosses. Plötzlich zupfte Malte an ihrem Ärmel. Er deutete mit einer Kopfbewegung auf die Skelette, die an den Fassaden in den verflochtenen Rosenranken hingen.
   „Wie sich Dornröschen damals gefühlt haben mag?“, argwöhnte Malte und sah die Treppe hoch. „Dass all die Jünglinge qualvoll in den Ranken verreckt, verdurstet und erstickt sind, macht die elegante Dame heute zu Geld. Aber eines muss ich ihr lassen. Sie sieht immer noch verdammt gut aus.“
   Rotkäppchen löste sich von Maltes Arm. Sie verabscheute Dornröschen und konnte nicht ertragen, dass Malte von ihr schwärmte. Sie zischelte zornig:
   „Schau dir ihre Schuhe an! Die hat’s nötig. Höhere Absätze ging wohl nicht und der Rock, wie eng der sich um ihre Schenkel schmiegt. Wenn wir oben sind, kannst du ihr bestimmt tief in den Ausschnitt sehen. Lass dich dabei nicht von mir erwischen.“
   „Wie schön, euch hier zu sehen!“, rief Dornröschen ihnen entgegen und machte ein paar Tippelschrittchen auf die beiden zu. Malte verneigte sich und küsste die ihm gereichte Hand, wobei ihn die Wolke eines süßen, femininen Duftes einhüllte. Rotkäppchen hatte sich nicht geirrt. Das Oberteil des roten Kostüms ließ tief blicken. Ein praller Busen lud Malte ein, einen raschen Blick zu riskieren. Dornröschen strahlte, wie es eine Frau vermochte, die sich persönlich für die Vermarktung ihrer neuen Geschäftsidee zur Verfügung stellte.
   „Es ist für mich eine besondere Ehre, wenn so bedeutende Persönlichkeiten ihren Weg in meine Show finden.“
   Rotkäppchen musste schlucken. Das affektierte Gehabe dieser Frau brachte sie zum Kochen. Diese Natter, giftete sie innerlich. Dass sie nun Inspektor war und sie sich Dornröschen demnächst ganz legitim vorknöpfen konnte, straffte ihr Selbstbewusstsein.
   „So von Frau zu Frau“, kokettierte Rotkäppchen übertrieben, in der Absicht Dornröschen zu imitieren, um ihr so eins auszuwischen. „Ich finde es gut, wenn Frauen Initiative zeigen. Wir sind lange genug verschachert worden. Bin gespannt, was eine Frau wie du zu bieten hat.“
   Dornröschen klimperte mit den Wimpern und wechselte ihr Standbein, sodass ihre Hüfte sich leicht seitwärts neigte. Mit zwei Fingern schob sie eine Locke, die ihr ins Gesicht gefallen war, zurück in ihre üppige Haartracht, wobei sich ihre rot lackierten Fingernägel kontrastreich von ihren glänzend schwarzen Haaren absetzten. Rotkäppchen tat so, als ignorierte sie diese feine, erotische Spielerei, im Gegensatz zu Malte, den sie förmlich aus seiner Bewunderung aufrütteln musste. Sie stieß ihn an und knöpfte sich dann den Mantel auf, sodass ihre hübschen Beine zum Vorschein kamen.
   „Geht nur hinein, es wird bestimmt nicht das letzte Mal sein“, hauchte Dornröschen geschwollen und wandte sich ab.
   Für Rotkäppchen stand einmal mehr fest, dass Dornröschen von schlechter Gesinnung war. Sie griff Malte am Handgelenk und dann gingen sie zur Kasse, wo der gestiefelte Kater saß und Billetts bereithielt.
   „Grüß dich Kater!“, dröhnte Malte mit seiner tiefsten Stimme. Noch eine Nuance tiefer und es hätte lächerlich geklungen. Malte war nicht gut auf Kater zu sprechen. Ihm ging es nicht um den gestohlenen Goldesel, sondern um die Dreistigkeit Katers, der keinen Hehl aus dem Diebstahl machte.
   „Immer am Hebel, wo das Geld sitzt“, stachelte Malte.
   Kater versuchte Maltes Feindseligkeit zu überspielen, indem er Rotkäppchen eine freundliche Grimasse schnitt und mit seiner sanften Pfote zwei Billetts langsam über die Marmorplatte der Rezeption schob. Malte hatte Kater fixiert und machte ein Gesicht, als wollte er ihm den Hals umdrehen. Rotkäppchen fühlte, wie Malte immer wütender wurde. Er musste platzen vor Groll. Verächtlich blickte er an den aufwendig dekorierten Balustraden entlang und sah zum Gewölbe der Empfangshalle empor.
   „Kostspieliger, venezianischer Prunk“, stachelte Malte und drehte sich dann ruckartig zu Kater um, stemmte beide Hände auf die Marmorplatte und brüllte:
   „Da hat wohl jemand mit Stiefeln für das nötige Kleingeld gesorgt. Schleicht durch die Villenviertel und bestiehlt ehrsame Leute. Da wird demnächst ein Knüppel auf ihn warten und ihn windelweich schlagen. Mein Bruder ist informiert. Das Viertel wird überwacht. Komm nur und es wird dich eines deiner elenden Katzenleben kosten.“
   Kater wich gemächlich aber achtsam zurück, außer Reichweite für einen Hieb von der Faust des Schneidersohns. In sicherem Abstand tat er locker, als sei er sich keines Vergehens bewusst.
   „Ein Esel ist ein Esel und die sollen in Villenvierteln wohnen? Das mag schon sein. Die Zeiten ändern sich. Esel wohnen in Villen und gehen ins Museum.“
   Das ging unter die Gürtellinie. Malte schwang sich blitzschnell auf die Marmorplatte der Rezeption, rutschte aber aus und landete unsanft auf dem Boden. Kater sprang lässig hoch auf eine Fensterbank und leckte sich die Pfoten.
   „Ein feines Stückchen Theater hast du da gespielt, Esel. Kannst nicht mal über einen Tisch springen. Hier, nimm das als Gage für deine akrobatische Schlamperei!“
   Kater warf ihm einen Golddukaten hin. Die Prägung war identisch mit der vom Goldesel. Nun war es amtlich. Dornröschen und Kater hatten Maltes Goldesel gestohlen. Rotkäppchen war angewidert und erzürnt von Katers Frechheit, hob das Goldstück auf und warf es zielgenau auf den lässig am Fenster sitzenden Kater. Der heulte auf, als ihn die schwere Münze traf. Rotkäppchen nahm die beiden Eintrittskarten und rief Kater zu:
   „Bezahlt sind sie, aber die echte Rechnung stellen wir noch. Warte, bis ich mich als Inspektor bei dir melde, dann wird dir Hören und Sehen vergehen!“
   „Ich habe eine saubere Weste“, stöhnte Kater und fasste sich an die Rippen. Voller Spott rief er: „Wie soll ein Esel auf einen Esel aufpassen? Der ist doch viel zu doof dazu.“
   Malte raffte sich auf und ballte die Fäuste zu einer erneuten Attacke.
   „Lass ihn!“, kommandierte Rotkäppchen. „Der läuft uns nicht davon. Komm! Da vorne ist der Eingang zum Museum. Wir sehen uns an, wofür die Dukaten herhalten mussten.“
  Malte folgte ihr fluchend. Die große Flügeltür knarrte, was sie wohl immer schon getan hatte, denn man konnte ihr das museumshafte Alter ansehen, obwohl sie mit Goldpatina frisch restauriert worden war. Sie traten in einen langen breiten Flur, von dem alle paar Meter Türen zu beiden Seiten abzweigten. Über jeder Tür befand sich eine längliche Fahne, die von der Decke herunterhing und das jeweilige Thema des Zimmers bekanntgab.
   Rotkäppchen ergriff Maltes Hand und öffnete die Tür zum Raum des Kutschers. Dort hauste früher der Kutscher. Er ruhte auf einer primitiven Bettstelle oder schlief dort seinen Rausch aus. Rotkäppchen drückte Maltes Hand, als sie eintraten. Zu ihrem Missfallen war es ziemlich dunkel, nur eine schlichte Kerze flackerte unruhig. Das Mobiliar glänzte speckig. Ein Schemel aus schwarzem Holz und ein Tisch ohne Decke mit einem halb vollen Glas Rotwein standen in der Mitte des Raumes. Eine Peitsche stand in der Ecke zur Tür, um nicht vergessen zu werden, wenn es eilig war.
   „Findest du auch, dass es hier komisch riecht?“, fragte Rotkäppchen, „so nach Schweiß, stickig, wie in einem überfüllten Bus, wenn‘s draußen geregnet hat und im Bus alle anfangen, auszudünsten.“
   „Vielleicht hat sich der Kutscher schon Tage nicht mehr gewaschen“, grinste Malte scherzhaft und deutete auf das hölzerne Bettgestell, auf dessen Kante der Kutscher saß. Rotkäppchen krallte ihre Fingerspitzen in Maltes Hand und hielt die Luft an, als sie die dunklen Umrisse eines Mannes bemerkte.
   „Hab ich mich erschrocken. Der sieht ja zum Fürchten aus. Mein Herz rast wie verrückt. Konntest du mir das nicht etwas sanfter beibringen?“
   „Ich dachte, du kennst die alten Zeiten. Er ist kein Henker, nur ein Kutscher.“
   „Aber der sieht gruselig aus.“
    Die Jacke des Mannes hing über dem einzigen Stuhl im Raum. Der Mann saß nach vorne gebeugt, sein Hemd war aufgeknöpft und seine Hose auch. Ein Nachttopf stand unterm Bett. Rotkäppchen zeigte darauf.
   „Wenn der 100 Jahre nicht geleert wurde, hat das zwar am Anfang ziemlich gestunken, aber heute dürfte alles verflogen sein. Trotzdem riecht es hier sehr streng.“
   Malte machte einen Schritt aufs Bett zu und stieß aus Belustigung mit dem Fuß gegen den Nachttopf. Der fiel um und verspritzte dabei eine gelbliche Flüssigkeit auf die Holzdielen. Rotkäppchen sah das, riss vor Schreck den Mund auf und zog Malte zur Tür.
   „Nichts wie raus hier. Man kann’s auch übertreiben.“
   Malte schloss die Tür und Rotkäppchen holte tief Luft.
   „Uaah, bin ich froh, wieder hier im hellen Gang zu sein.“
   „Ohne Scherz, da muss ich Dornröschen ein Kompliment machen“, strahlte Malte. „Der Kutscher und die Requisiten wirken echt. Dem hatten sie sogar kleine Schweißtröpfchen auf die Stirn gesprenkelt. Da könnte sich Madame Tussaud eine Schnitte von abschneiden.“
   „Meinetwegen, wenn es darinnen etwas heller wär, würd ich mich nicht fürchten. Hier fühl mal.“
   Rotkäppchen nahm Maltes Hand und legte sie auf ihre Brust.
   „Wow, da hat dich aber ein Rudel Werwölfe gejagt. Ich kann die einzelnen Schläge nicht voneinander trennen. Was ist los?“
   „Weiß nicht, ein Gefühl kam plötzlich über mich. Vielleicht war es die Erinnerung an die schreckliche Erfahrung, im Magen des Wolfes eingeschlossen zu sein. Da war es auch so stickig, stinkig, dunkel und beklemmend. Lass uns einfach weitergehen.“
   „Gegenüber ist der Gesinderaum.“
   „Nein, lass uns erst diese Seite fertig machen“, schlug sie vor.
   Am Ende des Ganges bewegten sich plötzlich einige Gestalten.