Ich liebe dich

 

Dieses Sachbuch geht neue Wege, die Liebe zu erklären. Es wird auf Alltägliches zurückgegriffen, also das was jeder bereits erfahren, aber unter Umständen nicht tiefgehend reflektiert hat. Was wissen Sie über das Gefühl der Liebe? Ist sie eine einzelne Emotion oder eine Mischung aus vielen verschiedenen Gefühlen? Sie können dazu durch ein einfaches Experiment selber eine Antwort finden. Kommt nach dem Verlieben die Liebe? Glauben Sie das? Sie werden entdecken, dass diese traditionelle Vorstellung falsch ist. Sie werden auch lesen, warum Eifersucht nichts mit Liebe zu tun hat und warum Liebe so viele Beziehungen nicht rettet. Machen Sie sich auf eine spannende Reise durch den Irrgarten der Liebe gefasst und entdecken Sie dabei die wunderbare Schönheit, die in jedem erwacht, der liebt.  

Leseprobe

 

Verlieben ist so normal wie die Liebe

 

Am Anfang einer normalen Liebesbeziehung laufen auf höchstem Niveau zwischenmenschliche Interaktionen auf allen drei Existenzebenen ab, die einer wunderbaren Ordnung folgen, nämlich der Ordnung des Verliebens, die verglichen mit der nüchternen, sachlichen, moralischen Ordnung der Gesellschaft chaotisch verschieden sein muss. Wenn man die Liebe als unverfälschlichen Wegweiser anerkennt, bedeutet das, dass man auch im Verlieben nach Wegweisern suchen sollte.

 

Zeichen der Verliebtheit sind Zeichen der Liebe

 

Wenn der Mensch Fragen an die Liebe stellt, dann gibt ihm das Verlieben die Antworten. Dorthin muss er schauen! Das, was die Verliebtheit zerstört, zerstört auch die Welt der Menschen im Allgemeinen. Wenn das egoistische Ich geht, bekommt die Liebe Zeit und Raum, und diese Liebe möchte, dass sich Menschen allgemein ineinander verlieben.

Bei allen Menschen, die anderen uneigennützig helfen, entdecken Sie Freude und Enthusiasmus als deutliche Zeichen von Verliebtheit. Dort ist das egoistische Ich bewusster Erkenntnis von Menschlichkeit gewichen.

Martin Luther King war in seinen Traum verliebt und der hat andere angesteckt, wie es bei Verliebten üblich ist. Das Mitfühlen für Menschen, die von Katastrophen heimgesucht werden, bewegt so manch einen innerlich aufzuspringen um zu helfen, die notleidenden Menschen in die Arme zu nehmen und für die Kinder zu sorgen. Diese Bewegung ist Verlieben. Da kommt Tatendrang auf, Nähe möchte hergestellt und Trennung aufgehoben werden.

 

Lieben durch Verlieben

 

Auch Paare, die bereits viele Jahre zusammen sind, empfinden ihre Liebe durch Gefühle des Verliebens. Wenn Sie jemanden lieben, dann spüren sie diese Liebe wie ein Verlieben, ob nach ein paar Tagen oder 20 Jahren. Im Grunde Ihres Herzens wissen Sie, das Sie jemanden lieben, aber wenn Sie es auch fühlen, dann findet eine Zubewegung auf bzw. eine Bewusstmachung für den anderen statt. Diese Bewegung ist Verlieben.

Spüren Sie, dass Lieben ein fühlbares Bewegen, ein Öffnen ist und aus der Freiheit kommt? Das Gleiche spürt man beim Verlieben. Es gibt keinen Unterschied im Spüren, noch unterscheiden sich die Situationen voneinander, die das Verlieben und das Lieben erfahrbar machen. Immer wo Liebe auftaucht, kommt ein Verlieben dazu. Mit dieser Vorstellung kann ein Paar sehr viel mehr über sich lernen.

 

Verlieben und Liebe werden nicht alt

 

Menschen, in die man sich mal verliebt hat, nehmen für den Rest des Lebens eine besondere Stellung ein. Hat man sein Herz durch Enttäuschungen nicht verschlossen, können diese Menschen in der Regel jederzeit wieder neue Liebesgefühle wecken. Die einstmalige Liebe hatte eine Nähe (Ganzheit) hergestellt, die unvergessen bleibt. Wenn Sie sich die folgenden Abjektive ansehen, fällt es leicht, sich vorzustellen, dass ein Mensch, mit dem man diese Eigenschaften mal erlebt und geteilt hat, unvergesslich ist. In seiner Natur ist Verlieben frisch, spontan, ungezwungen, mutig, erlebnisorientiert, empathisch, kreativ, inspirierend, transformierend, konstruktiv, friedlich, fantasievoll, gefühlsintensiv, ekstatisch, kooperativ, symbiotisch, behütend, versorgend, witzig, albern, ausgelassen, erotisch, magisch, mystisch und gestalterisch. All diese Aspekte kann man im Idealfall bei Verliebten finden.

Liebe oder Verlieben kann nur positiv im Sinne des Lebens sein, weil beide letztlich die Quelle allen Lebens sind. Hat man diese Nähe einmal gespürt, hinterlässt das unauslöschliche Spuren. Verlieben wird nicht alt. Das können Sie auch daran sehen, dass es egal ist, ob man sich mit 20, 40, 60 oder 80 verliebt. Auch wenn ältere Paare sich neu ineinander verlieben, fühlt sich das an, als wären sie jung verliebt, so wie es die obigen Attribute vermitteln.

 

Die Emotion ist gleich

 

Zu Beginn der Expedition zur Liebe wurde nach der Emotion des Liebens und des Verliebens geforscht. Dabei wurde das „Ich liebe dich!“ als situative Vergleichsbasis herangezogen. Die Gefühle, mit der sich die Emotionen des Liebens und des Verliebens niederschlagen, sind gleich. Die Liebe fühlt sich an wie das Verlieben und umgekehrt.

 

Romantische Liebe

 

Der Himmel der Liebe hat mit Ewigkeit und Reinheit zu tun, zeitlos glücklich verliebt, so wie es die meisten Filme und Liebesgeschichten auf romantische Weise darstellen, das ist der Wunschtraum vieler Menschen.

In dieser romantischen Liebe liegt tatsächlich ein wahrer Kern der echten Liebe. Liebe soll nicht vergehen, soll immer bleiben. Das könnte so sein, wenn der Mensch reif genug wäre, sein egoistisches Ich zu erkennen und zu bearbeiten. Romantische Liebe ist eine Frage der Überwindung egoistischer Vorstellungen. Sie ist weder naiv noch kitschig, sondern tatsächlich erstrebenswert, wenn man versteht, dass das Verlieben behutsam durch all die Jahre der Beziehung weitergeführt wird. Flexibilität und Opferbereitschaft gehören mit dazu.

 

Nähe zu sich selber finden

 

Dass Verlieben auch mit dem Entdecken des eigenen Selbst in Verbindung steht, das wurde bereits erörtert. Die Liebenden erhalten die Chance, neue Wesenszüge zu entdecken und gleichzeitig lieben zu lernen. Im übertragenen Sinn hämmern beide ihren Stein (Wesen) in Stücke und erkennen die einzelnen Bausteine (Wesenszüge) besser, als wenn sie immer nur in den gleichen Spiegel schauen. Dass man sich am Anfang seines erwachsenen Lebens mehrmals verliebt, hat einen tieferen Grund. Bei jedem Mal erhält man die Chance, sich selber besser kennenzulernen, um dann festere Bindungen eingehen zu können. Die Liebe wirkt durch das Verlieben, um den Menschen reifen zu lassen und um seine Selbstliebe dadurch zu stärken, dass er sich besser erkennt.

 

Ergebnisse

 

Ob es einen gemeinsamen Nenner in Sachen Liebe gibt, sei dahingestellt. Allerdings wäre es sehr gut möglich, denn im Grunde ihres Herzens sind alle Menschen gleich. Warum sollte nicht irgendwann Klarheit darüber herrschen, was alle Menschen eint? Es folgt eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse:

Die Liebe ist die Mutter aller Emotionen und Gefühle. Lieben und Verlieben stellen sich vom Gefühl her als sanft und hingebungsvoll dar. Es ist ein Annehmen und Öffnen wahrzunehmen. Es gibt keinen Unterschied im Fühlen zwischen Verlieben und Lieben. Das Markante am Verlieben wird durch biochemische und unbewusste Programme gesteuert, während die Liebe die Urheberin dieser Prozesse ist. Sie stellt durch ihre Eigenschaften Bewegung, Veränderung, Flexibilität und Kreativität sicher, dass die Entwicklung eines Paares positive Impulse erfährt. Liebe führt immer ein Verlieben bei sich. Verlieben bedeutet die Herstellung von Ganzheit durch Kreativität. Durch Verzahnungsprozesse während des Verliebens entsteht eine neue Ganzheit, die das Paar zusammenwachsen lässt und neue Lebensräume erschafft. Jeder Partner erfährt ebenfalls eine Vergrößerung seiner eigenen Ganzheit, was seine Selbstwahrnehmung erweitert. Das Vergrößern von Ganzheit wird von schönen Gefühlen begleitet. Diese Gefühle sind ein Geschenk der Liebe.

Nach dem Verlieben bleibt ein für das Paar typisches Fundament zurück, das ein Gefühl der Liebe vermittelt. Dieses Fundament gewährleistet das Funktionieren der Beziehung. Wille und Bereitschaft, das Fundament zu verändern, sind ein Zeichen von Liebe.

Wahre Liebe eint alle Menschen bedingungslos. Falsche Liebe entsteht durch das Ego. Diese Liebe sucht Drama, Tränen, Ausgrenzung, Kontrolle und persönliche Vorteile. Die wahre Liebe wird vom authentischen Ich gesucht, weil nur das authentische Ich das Gute im Menschen und damit die Liebe auf Dauer realisieren kann. Wahre Liebe kennt keine Erwartungen und macht keine Vorschriften. Sie ist überall präsent und kommt, wenn für sie entsprechende Bedingungen bereitgestellt werden. Wahre Liebe hat eine Richtung und ein Ziel. Sie möchte Ganzheit durch Zweisamkeit und in einer weiteren Stufe den Himmel auf Erden schaffen.

Die Evolution der Liebe findet durch den Menschen statt. Liebe sucht Gestaltung und Form. Durch die Vergänglichkeit von Gestalt und Form kann der Mensch lernen, Liebe immer wieder neu zu entwickeln. Jegliche Form schöpferischen Schaffens wird durch Liebe gewährleistet. Alles Neue kommt durch die Liebe.

Aus der bisherigen Expedition zur Liebe ergeben sich weitreichende Konsequenzen für die praktische Beratung:

1. Die traditionelle Sicht, dass die Liebe dem Verlieben folgt, ist falsch.

2. Die unterschiedliche Gewichtung von Lieben und Verlieben ist ebenfalls falsch.

3. Die große Liebe gibt es nicht, wohl aber eine Liebe des Verliebens.

4. Liebe ist Verlieben. Verlieben ist Liebe.